Leseprobe

Viel zu, 1. Literaturpreis Wir sind lesenswert 2020


so ein Morgen ist schon

wenn man so in der Küche sitzt

und nicht recht weiß

warum

vier Gabeln

dabei wohnt man

allein

 

und dieser Tisch zum Beispiel

ich finde ihn

und

diese Vorhänge

und von den Teppichfransen wird mir ganz

und dieser Toaster

dabei habe ich schon lange kein

 

ich muss

der tisch passt gerade noch durch

hinaus aus der

hinein in den

nicht weg, nur

verschoben

 

als würde ich immer bloß

hin und her

und gar nichts Neues

warum will ich etwas Neues

wer kann denn

es sind immer die gleichen

nur stehen sie anders

 

Vorwürfe

ungesagt zwischen mir und

wem will ich etwas vor

atmen wir nicht alle

gleich

zeitig

was ist dann neu, wenn

wir gleichzeitig

 

können wir vielleicht entscheiden

was uns

ab wann es zu

und zu

und uns die Luft weg

öffnen wir nicht alle

morgens unsere

 

wie kann das sein, dass es genug

Luft für alle

und genug

Türen und

Gabeln für alle

 

ich schalte

an aus an aus an

aus an

gefangenen Tagen

kann ich nicht

aus

 

mir kommt vor, die Welt

nützt sich

ab und zu scheint mir

sie wird blasser, je mehr ich 

 

und wenn sie ganz unbemalt

aufwacht

ist es dann egal, dass ich

hier

mit vier Gabeln

aus mir falle

Die Straße des Glücks, Preis der Bozner Autorentage Lyrik Oberschulen 2017


Hier ist das Glück, pries der Händler die Waren,

vier Euro das Stück! Und sie kamen in Scharen

und wollten es kaufen.

Da sagte der Händler: Fort müsst ihr laufen,

weit weg müsst ihr gehen,

um das Glück, das ihr hier alle habt,

zu verstehen.

 

Das ist Betrug, schrien die Leute empört,

wir haben genug! Und wie es sich gehört,

wollen wir das Geld zurück.

Halt! sagte der Händler. Wohl hattet ihr Glück,

denn mein Freund um die Ecke

– ihr könnt es mir glauben – verkauft es

fünf Euro das Stück.

Anlauf, 1. Pergamenta Jugendliteraturpreis 2015 (Auszug)


 

Nehmen wir ein Computerspiel: Sobald ich erkenne, dass ich verlieren werde, drücke ich auf beenden.

Nehmen wir das richtige Leben: Sobald ich erkenne, dass –

 

Er hockt auf dem Rand einer alten Brücke und hört das Wasser unter sich rauschen.

Ob ich es tun soll, ist gar nicht die Frage. Ich werde es tun.

Er summt eine Melodie vor sich hin und lässt die Füße baumeln.

Aber ich habe noch Zeit.

Der Wind bläst so stark, dass niemand außer mir hört, was er der Welt zu sagen hat.

Ich fürchte mich nicht vor dem Tod.

Nein, er fürchtet das Leben. Nichts als ein Kind im Labyrinth ist er, anstatt einen Ausweg zu suchen, hockt er sich in die erstbeste Ecke und weint. Die Nacht ist so dunkel, dass ihn niemand sieht, aber der Tag ist zu hell, als dass ihn jemand vermissen könnte. Als ob ihn jemand suchen würde, wenn doch gar keiner bemerkt, dass er fehlt. Als ob das Glück vom Himmel fallen würde wie die Schneeflocken im Winter.

Nein, ich weine jetzt nicht.

Oh, aber das würde er gerne.

Ich brauche keine Träume, wozu auch.

Jeder braucht einen Traum.

Falsch. Jeder braucht Raum für einen Traum.

Er blinzelt gegen den Wind.

Sei wie ein Stein. Grau. Teilnahmslos. Unscheinbar. Gefühlslos und taub für die
Ungerechtigkeiten auf der Welt.

Aber auch taub für ihre Wunder.

Sei ein Stein.

Er atmet ein. Die Luft ist kalt.

Ein STEIN.

Die Tränen sind heiß.

STEIN, SAGTE ICH!!!

Oh, aber er ist doch ein Stein. Er ist nichts als ein Stein. Unförmig und rau. Und grau. Seine Kanten tun ihm selber weh. Er liegt am Ufer und wartet nur darauf, dass jemand ihn in den Fluss wirft, damit dass Wasser ihm seine Ecken abschleifen kann.

Ich warte nicht, ich springe selbst. *